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Bis zur totalen Erschöpfung Arbeitsalltag von Diakonissen von Frigga Tiletschke Meine Damen und Herren, als ich vor 1 1/2 Jahren begann, nach der Geschichte des alten St. Martins-Stiftes zu forschen, da hatte ich keine Ahnung von dem, was ich vorfinden würde. Und auch die Spenger Stadt- und Kirchengeschichte war mir wenig vertraut. Nach dem Studium der ersten Akten und Dokumente begegneten mir dann schnell die "großen" Männer, die in Spenge "Geschichte" geschrieben haben und dafür öffentlich gewürdigt wurden. Pastor Berghauer, der die Idee zur Gründung des Stiftes hatte, erhielt einen Gedenkstein auf dem Friedhof. Pastor Lortzing und Pastor Schneider, die im Kaiserreich und bis zum Nationalsozialismus als Hausväter für das Heim verantwortlich waren, sind in die Analen der Spenger Kirchengeschichte eingegangen. Pastor Ossenbühl, der in der Nachkriegszeit die Geschicke leitete, ist auch heute noch vielen Spengern lebhaft im Gedächtnis. Und nicht zuletzt Pastor Blumenthal, der zusammen mit dem damaligen Stadtdirektor Hemminghaus sich engagiert für diesen Neubau hier einsetzte - sie alle sind die "großen" Helden, die ihre Spuren in der Geschichte der Stadt und des St. Martins-Stiftes hinterlassen haben und die in die städtische Geschichtsschreibung eingingen. Fast vergessen aber sind die wahren "Heldinnen" dieser Geschichte, die Diakonissen, die über einen Zeitraum von fast 90 Jahren die Arbeit geleistet haben, eine Arbeit, die, je mehr ich mich in die Geschichte des alten Hauses vertiefte, in mir mehr und mehr Hochachtung hervorgerufen hat, schon deshalb, weil sie für die Generationen heutiger Frauen unvorstellbar ist. Ich möchte mit meiner kleinen Rede deshalb eine Laudatio auf diese Frauen halten, deren Arbeit in den Kirchenanalen nicht vorhanden zu sein scheint, für die es keine Gedenksteine und keine Erinnerungsschriften gibt. Was wissen wir über diese Frauen, die im alten St. Martins-Stift jahrzehntelang Tag für Tag ihren "Dienst" taten, denen jährlich 14 Tage Urlaub im Mutterhaus in Bethel zustanden, und die dafür keinen Pfennig Bezahlung erhielten, sich andererseits jedoch auf eine lebenslange Versorgung und "ein würdiges" Begräbnis verlassen konnten. Die persönlichen Daten dieser Frauen sind im Sarapta-Archiv Bethel zu recherchieren, Beginn und Ende ihrer Arbeitsaufnahme in Spenge werden in der Spenger Kirchenchronik dokumentiert. Aber alle diese Akten sagen über das Leben und die Arbeitsbedingungen vor Ort nichts aus. Aufschlüsse hierüber geben die sogenannten Visitationsberichte. Regelmäßig besuchten Pastoren aus Bethel oder Sarepta-Schwestern das St. Martins-Stift und protokollierten penibel die Lage im Haus. Für unsere heutigen Ohren hören sich diese Berichte größtenteils wie Protokolle von Missständen an. Sie erzählen von Diakonissen, die völlig überfordert waren, die zuwenig Schlaf fanden, die seitens der Pastoren und der Kirchengemeinde zu wenig materielle wie personelle Unterstützung erfuhren, die ihm Hause wohnten und 24 Stunden täglich an 365 Tagen im Jahr im Einsatz für die Bewohner des Hauses waren: Für Alte, Kranke, Wöchnerinnen, Behinderte, Alkoholiker, Säuglinge und Kleinkinder, Amtsarme und Ortsfremde. Doch trotz des Wissens darum, kam niemand, weder in Spenge noch in Bethel auf die Idee, es sei nötig Abhilfe zu Gunsten der Diakonissen zu schaffen. Diese totale Ausbeutung menschlicher Arbeitsleistung - so möchte ich es mal nenne - war damals schlicht und einfach selbstverständlich. Der Dienst der Diakonissen war ein Totaler, wie auch aus dem Leitmotiv diakonischer Tätigkeit ersichtlich ist: "Was will ich? Dienen will ich. Wem will ich dienen? Dem Herrn seinen Elenden und Armen. Und was ist mein Lohn? Mein Lohn ist, dass ich darf." Im Unterschied zur männlichen Diakonie bedeutete Diakonissenleben den Verzicht auf ein Privatleben, Verzicht auf Ehe und Kinder, Verzicht auf einen eigenen Haushalt, denn es bestand Residenzpflicht, d.h. Arbeitsstätte und Wohnung waren identisch. Rund zwanzig Bewohner und 25 Kranke in dem angeschlossenen Kranken- und Entbindungshaus wurden im Schnitt von 2 Diakonissen und ein bis drei Hilfskräften versorgt. Bis 1969 war es üblich, dass Bewohner, damals Pfleglinge genannt, in Haus und Garten mithalfen. Bis in die 50er Jahre wurde die Versorgung als Teilselbstversorgung betrieben. Obst, Gemüse und Kartoffeln kamen zum Teil aus dem eigenen Garten, zum Teil wurden sie von umliegenden Bauern angeliefert. Ein bis zwei Schweine wurden im angebauten Stall gehalten. Dies bedeutete eine saisonbedingte umfangreiche Einmachtätigkeit und Vorratswirtschaft. In Zeiten ohne elektrische Waschmaschinen und Trockner war die alle 6 Wochen stattfindende große Wäsche harte und schwere körperliche Arbeit. Die Disziplin im Haus hielt zwar eine rigide Hausordnung aufrecht, jedoch brachte die bis in die zwanziger Jahre praktizierte Geschlechtertrennung - d.h. die Diakonissen mussten dafür sorgen, dass sich männliche und weibliche Bewohner weder im Haus noch im Garten trafen - eine weitere Komplizierung des Alltags. Die Kinder im Haus waren den Räumen der Frauen zugeordnet. Säuglinge wurden aber meist nachts von den Diakonissen mit auf ihre eigenen Zimmer genommen. Da war an Schlaf oft nicht zu denken. Besonders drastisch gibt der Bericht der Sarepta-Schwester Mathilde Arps 1926 den Alltag im St. Martins-Stift wieder: "Im Haus befinden sich derzeit viele Handwerker, da es ein neues Dach erhält. Als Bewohner sind 9 Männer, 3 Frauen und 7 Kinder im Haus. Die Männer sind zwischen 70 und 80 Jahre alt, darunter ein Alkoholiker. Nachdem Pastor Schneider dem Hausknecht gekündigt hat, sind die Schwestern durch die vielen Aufgaben und die mangelhaften Einnahmen völlig überfordert. Die Ernährung der Bewohner ist mangelhaft. Mittags gibt es Gemüse, ab und zu mit etwas Speck, kaum Fleisch, nachmittags Kaffee mit Marmeladenbrot und abends Milchsuppe. Es wäre gut, wenn das Jahresfest nicht mehr wie bisher bei Pastor Schneider, sondern im Martins-Stift gefeiert würde, damit nicht die graue Alltäglichkeit und die allzuviele Arbeit dem ganzen Hause etwas Ödes und Leeres gibt." Soweit der Bericht von Schwester Arps. Dem bleibt kaum etwas hinzuzufügen, außer der - wenn auch späten - Anerkennung für die Leistung dieser Frauen. - Vielleicht mal ein Stadtpreis für die Diakonissen des alten St. Martins-Stiftes. |